Du fängst alles an. Du bringst nichts zu Ende. Oder?
- 3. Aug.
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Es ist Dienstagmorgen. Du sitzt mit deinem Kaffee und schaust auf die Liste mit den Dingen, die du angefangen hast.
Der Kurs, den du zur Hälfte gemacht hast. Das Buch, das du auf Seite 80 weggelegst hast. Die Idee, die dich drei Wochen lang nicht losgelassen hat – und dann plötzlich doch.
Und du denkst: Was stimmt mit mir nicht.
Nicht zum ersten Mal. Nicht zum letzten Mal.
INHALT
Alle anderen scheinen es irgendwie hinzukriegen. Dranbleiben. Fokussieren. Eine Sache zu Ende bringen, bevor die nächste anfängt. Warum kannst du das nicht? Du fängst alles an. Du bringst "nichts" zu Ende. Oder?
Du hältst es versteckt.
Nicht weil du lügst. Sondern weil du weisst, was kommt, wenn du es sagst. Der Blick. Die Pause. Der Satz, der höflich klingt und trotzdem urteilt.
Also sagst du nichts. Du wechselst das Thema. Du machst weiter – nach aussen genauso wie vorher, nur innen etwas stiller.
Und irgendwann fragst du dich nicht mehr nur, was die anderen denken. Du fragst dich, ob sie recht haben.
Ob XY dich noch ernst nimmt. Ob deine Kollegin heimlich die Augen verdreht. Ob du einer von denen bist, die von Blume zu Blume fliegen – und nie wirklich ankommen.
Und dann, ganz leise, die Frage, die du dir selbst kaum eingestehst:
Nehme ich mich eigentlich noch ernst?
Das ist der Moment, in dem das Verstecken aufhört, ein Schutz zu sein – und anfängt, dich zu kosten.
Ich sage dir, warum. Weil du gar nicht aufgehört hast. Du bist fertig geworden.

Es gibt einen Unterschied zwischen aufgeben und fertig sein
Aufgeben heisst: Ich kann nicht mehr. Ich habe keine Energie, kein Interesse, keine Kraft.
Fertig sein heisst: Ich habe das, was ich hier finden wollte, gefunden. Ich habe eingetaucht, durchdrungen, mitgenommen – und jetzt bin ich durch.
Das sieht und fühlt sich von aussen gleich an. Von innen überhaupt nicht.
Wenn du mit einem Thema durch bist – wirklich durch – dann ist da kein schlechtes Gewissen. Nur dieses ruhige, manchmal fast unbequeme Wissen: Da ist nichts mehr für mich. Jetzt kommt das Nächste.
Das ist kein Mangel an Ausdauer. Das ist dein Rhythmus.

Was du wirklich tust, wenn du «wieder etwas Neues anfängst»
Du machst Kauffrau. Dann interessieren dich Menschen und Systeme – also machst du Personalfachfrau. Dann faszinieren dich Zahlen und Zusammenhänge – also Buchhalterin. Jedes Mal ganz rein. Jedes Mal ganz durch. Jedes Mal mit nach Hause genommen, was dort war.
Was andere sehen: Unbeständigkeit.
Was wirklich passiert: Du baust etwas. Aus vielen verschiedenen Schichten. Du verbindest, was andere getrennt lassen. Du siehst Zusammenhänge, die jemand mit dreissig Jahren in einem einzigen Fach nie sehen würde.
Das klingt nicht nach jemandem, die nichts zu Ende bringt. Das klingt nach jemandem, die anders baut als andere.

Der Satz, den ich zu oft gehört habe
«Mein Gott, kann das denn nicht schon wieder langweilig sein?»
Ich habe diesen Satz von Vorgesetzten gehört. Von Kolleginnen. Irgendwann auch von mir selbst – als innere Stimme, so vertraut, dass ich dachte, sie sei meine eigene.
Sie ist es nicht. Sie gehört dem Bild, das andere von dir haben. Nicht dir. Du bist nicht jemand, die nicht dranbleibt. Du bist jemand, die weiss, wann sie fertig ist. Das ist eine Fähigkeit – eine seltene, wertvolle, missverstandene Fähigkeit.
Und wenn du aufhörst, dich dafür zu entschuldigen – dann kannst du anfangen, sie zu nutzen.
Du tauchst nur anders ein und wieder auf. Das ist kein Fehler.
Ursina





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