Bist du wirklich empathisch – oder nur überflutet?
- 29. Juni
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt einen ganz bestimmten Satz, den ich von feinfühligen Menschen immer wieder höre.
„Ich bin so empathisch, ich spüre einfach alles.“
Meistens wird er mit einem leisen Stolz ausgesprochen. Als wäre Empathie ein Adelstitel. Ein feines Gespür, das die anderen, die Unsensiblen, eben nicht haben.
Ich mag diesen Satz nicht. Das erfährst du heute in meinem Blog. Ich möchte dich nicht kränken oder verärgern. Ich glaube, dass du mehr verdienst als eine Geschichte, die dich gleichzeitig erhebt und erschöpft.
Das könnte jetzt unbequem werden. Und dann – hoffe ich – auch befreiend.

Kennst du diesen Moment?
Du hattest einen vollen Tag. Du hast gespürt, wahrgenommen, mitgeschwungen. Vielleicht hast du einen Menschen begleitet, der dir nah gegangen ist. Du bist randvoll.
Am Abend sitzt du im Restaurant, und dein Ton zur Kellnerin ist heftiger, als du es je zugeben würdest.
Oder du kommst nach Hause und fährst dein Kind an, weil es im falschen Moment etwas von dir wollte.
Oder der Hund weicht dir aus – weil er längst spürt, was du über dich selbst noch nicht zugeben willst. 🤔
Und das ausgerechnet bei dir. Bei dir, die du so mitfühlend bist.
Du bist kein kalter Mensch. Das Fass ist einfach voll und läuft über. Ein übergelaufenes System wird grob – es ist keine Bosheit, sondern Überlastung. Du bist so beschäftigt mit allem, was auf dich einprasselt, dass für den Menschen vor dir kein Platz mehr bleibt.
Das kenne ich. Ich kenne diesen Zustand aus meiner eigenen Geschichte – aus Jahren, in denen ich die Schmerzen anderer Menschen buchstäblich körperlich übernommen habe. Bevor ich jemanden traf, spürte ich schon seine Knieschmerzen. Im Gespräch erfuhr ich von der Verletzung. Ich hielt das damals für ein Zeichen meines besonderen Migefühls.
Heute weiss ich: Es war ein Zeichen fehlender Grenzen.
Was viele Empathie nennen, ist in Wahrheit Empfänglichkeit
Hier liegt der Denkfehler.
Du nimmst viel wahr. Du spürst Stimmungen, bevor sie ausgesprochen werden. Du liest Gesten. Du fühlst, was im anderen vorgeht. Das ist eine Gabe. Ich meine das ohne Vorbehalt.
Aber dieses Wahrnehmen ist nur die halbe Geschichte.
Empfänglichkeit heisst: Es kommt bei dir an. Empathie heisst: Du tust etwas Würdevolles damit – und bleibst dabei selbst innenruhig.
Du kannst hochempfänglich sein und gleichzeitig grob – weil dein System ständig überflutet ist und keine Grenze hat. Genau dieselbe fehlende Grenze, die dich abends im Restaurant ungeduldig macht.
Das Wahrnehmen allein ist noch kein Handwerk. Erst wenn du weisst, was du mit dem Wahrgenommenen machst – und was du davon zurückgibst – wird es zu Empathie.

Hochsensibel und trotzdem – oder gerade deshalb – mit Grenzen
Für hochsensible Menschen ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Du sollst nicht weniger fühlen. Dein System reagiert stärker als das der meisten Menschen.
Ich sage heute zu Stimmungen, die ich so beim vorbeigehen aufnehme: Du darfst das fühlen. Ich weiss jetzt, wie es dir geht. Doch ich muss es nicht mehr miterleben.
Das ist absolut keine Kälte. Das ist Unterscheidung. Und diese Unterscheidung verändert alles – die Qualität deiner Begleitung, die Qualität deiner Beziehungen und dein eigenes Wohlbefinden am Abend.
Und jetzt wird es für dich als Begleiterin, Mitarbeiterin, Vorgesetzte richtig wichtig
Denn dieselbe Überflutung wirkt in deinem Coaching, in deinem Beruf, in deinem Umfeld weiter. Sie sieht dort nur anders aus. Du sitzt zum Beispiel deiner Klientin gegenüber. Du spürst ihren Schmerz. Und du hältst dieses Spüren für deine Qualität.
In Wahrheit passiert oft etwas anderes.
Du wirst von ihrem Zustand mitgerissen. Du verschmilzt. Du sitzt am Ende mit ihr gemeinsam in der Grube, statt ihr die Hand zu reichen, die sie hinausführt.
Die Klientin merkt das. Sie fühlt sich im Moment vielleicht verstanden. Aber sie kommt nicht weiter. Weil du ihr nicht mehr gegenüberstehst, sondern neben ihr versinkst.
Und du gehst abends nach Hause, bist geplättet und leer – und erklärst dir diese Leere wieder mit deiner grossen Empathie. Dabei war es schlicht eine Grenze, die du nicht hattest. Im Restaurant nicht. Und im Coaching auch nicht. An deinem Arbeitsort auch nicht.
Was Begleitung braucht
Volle Wahrnehmung. Und gleichzeitig einen sicheren Stand. Mitschwingen, ohne mitzusinken.
Das ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Das ist Handwerk. Das lässt sich lernen.
Es bedeutet, dass du in der Lage bist zu spüren, was in der anderen Person vorgeht – und gleichzeitig weisst, wo du aufhörst und wo sie beginnt. Dass du präsent bleibst, ohne dich aufzulösen. Dass du berührt sein kannst, ohne weggespült zu werden.
Das ist Empathie. Nicht als Eigenschafft, die du hast. Als Kompetenz, die du übst.

Du musst nicht weniger fühlen
Das ist die Botschaft, die ich dir mitgeben möchte. Nicht: Fühl weniger. Nicht: Werde härter. Nicht: Distanziere dich.
Sondern: Lern, bei dir zu bleiben, während du fühlst.
Deine Sensibilität ist nicht das Problem. Und sie muss nicht "gelöst" werden. Für mich ist es eine Ressource, die Führung braucht.
Du führst. Nicht die Stimmungen im Aussen.
Und vielleicht ist das die eigentliche Einladung: Nicht weniger wahrzunehmen. Sondern der eigenen Wahrnehmung endlich so viel Vertrauen zu schenken, dass du ihr Hüterin sein kannst statt ihr Opfer.
Das lässt sich lernen – und begleiten
In meiner Arbeit mit der Embrace Mind-Methode arbeite ich genau an dieser Schnittstelle:
Wahrnehmung und Selbstführung. Mit dem Unbewussten, direkt und ohne lange Umwege. Wenn du eine hochsensible Frau bist, die spürt, dass jetzt etwas wechseln darf – dann bin ich gerne da.
Ursina





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