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Hochsensibles Kind und Vielbegabung: Was Eltern wissen sollten

28. Sept.
4 Min. Lesezeit
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Wenn ein Kin intensiver fühlt

Wenn ein Kind intensiver fühlt, tiefer denkt und mehr wahrnimmt als andere

Vielleicht kennst du dieses Kind.

Es kommt nach einem langen Schultag nach Hause und möchte einfach nur seine Ruhe. Die Geburtstagsparty war schön. Eigentlich. Und trotzdem ist danach nichts mehr mit ihm anzufangen.


Zu viele Menschen. Zu viele Geräusche. Zu viele Eindrücke.


Das Etikett im Pullover kratzt. Das Licht ist zu hell. Der Streit zwischen zwei anderen Kindern beschäftigt es noch Stunden später. Und dann sitzt dieses Kind am Abend plötzlich neben dir und stellt eine Frage, auf die du selbst erst einmal keine Antwort hast: „Warum gibt es eigentlich Krieg?“


Oder:

„Was passiert mit uns, wenn wir sterben?“

Du schaust dein Kind an und denkst vielleicht: Woher kommt das alles? Und vielleicht kommt irgendwann noch ein anderer Gedanke dazu: Warum ist mein Kind so anstrengend? Genau hier lohnt es sich, innezuhalten. Denn möglicherweise ist dein Kind nicht „zu empfindlich“. Vielleicht nimmt es einfach mehr wahr.


Mit aufgedrehter Lautstärke

Manche Kinder erleben die Welt, als wäre die Lautstärke etwas höher gedreht. Sie bemerken Dinge, die anderen entgehen. Die Stimmung im Raum. Den Tonfall eines Erwachsenen. Ein Geräusch im Hintergrund. Das kratzende Etikett im Shirt. Das grelle Licht.


Und gleichzeitig laufen in ihrem Kopf unzählige Gedanken. Kaum ist ein Thema spannend geworden, taucht schon das nächste auf.


Heute Dinosaurier.

Morgen das Sonnensystem.

Übermorgen Klavier.

Danach vielleicht Comics, Tiere, Chemie oder die Frage, wie ein Flugzeug eigentlich fliegt.


Für Eltern kann das ziemlich verwirrend sein. Denn auf der einen Seite steht dieses Kind, das sich von Reizen schnell überwältigt fühlt. Auf der anderen Seite ein regelrechtes Ideenfeuerwerk. Und irgendwann fragt sich vielleicht jemand:


„Kann es sich nicht einfach einmal auf eine Sache konzentrieren?“

Vielleicht ist genau das die falsche Frage.


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HSP ist keine schlechte Angewohnheit

Hochsensibilität ist keine schlechte Angewohnheit

In der psychologischen Forschung wird Hochsensibilität häufig unter dem Begriff Sensory Processing Sensitivity (SPS) beschrieben. Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Störung, sondern um ein Temperamentsmerkmal. Die Forschung geht davon aus, dass ein Teil der Menschen Reize besonders intensiv verarbeitet.


Schätzungen liegen bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Das bedeutet nicht, dass alle hochsensiblen Menschen gleich sind. Es bedeutet: Diese Art der Wahrnehmung ist nicht einfach etwas, das Eltern ihrem Kind „anerzogen“ haben. Sie gehört zur individuellen Ausstattung eines Menschen.


Und genau hier wird es interessant. Denn die Forschung zur sogenannten Environmental Sensitivity zeigt, dass genetische Faktoren einen erheblichen Anteil daran haben, wie empfindlich Menschen auf ihre Umwelt reagieren.


Eine Zwillingsstudie von Assary und Kolleg aus dem Jahr 2021 kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass rund 47 Prozent der Unterschiede in der Umweltempfindlichkeit mit genetischen Unterschieden zusammenhängen.


Das heisst nicht:

„Das Gen für Hochsensibilität wurde gefunden.“


So einfach funktioniert Biologie nicht.


Es bedeutet vielmehr, dass unsere genetische Ausstattung mitbestimmt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und auf sie reagieren. Und damit verändert sich auch eine wichtige Frage:


Nicht mehr:

„Was haben wir bei diesem Kind falsch gemacht?“


Sondern:

„Was bringt dieses Kind bereits mit?“


Und dann kommt noch etwas dazu

Manche dieser Kinder sind nicht nur sensibel. Sie sind auch unglaublich neugierig.

Sie lernen schnell. Sie verbinden Dinge miteinander. Sie wollen verstehen, wie etwas funktioniert.

Und sie langweilen sich, wenn etwas für sie keinen Sinn mehr ergibt.


Das wird häufig als Vielbegabung, Multipotentialität oder Scanner-Persönlichkeit bezeichnet.

Der Begriff Scanner-Persönlichkeit geht unter anderem auf Barbara Sher zurück. Dabei geht es nicht einfach darum, dass ein Kind „alles kann“.


Vielbegabung beschreibt vielmehr eine breite, vielseitige Art des Denkens und Interessierens.

Ein Kind kann sich mit voller Begeisterung in ein Thema hineinwerfen und es nach einiger Zeit wieder verlassen.

Das hat nichts mit fehlender Disziplin zu tun. Das Thema wurde für dein Kind bereits erschlossen und sein Gehirn längst nach dem nächsten Abenteuer sucht.


Das kann für Eltern anstrengend sein.


Und gleichzeitig eine enorme Stärke sein.


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Vielbegabung Hochbegabung

Aber ist Vielbegabung dasselbe wie Hochbegabung?

Nein. Auch wenn sich beides überschneiden kann. Hochbegabung wird klassischerweise über psychometrische Tests und einen sehr hohen Intelligenzquotienten beschrieben.


Vielbegabung ist etwas anderes.

Hier geht es stärker um die Breite der Interessen, vernetztes Denken, schnelle Auffassung und die Fähigkeit, sich in unterschiedliche Themen einzudenken. Ein Kind muss also nicht zwingend einen IQ von über 130 haben, um eine ausgeprägte Scanner-Natur zu zeigen. Und umgekehrt ist ein hochbegabtes Kind nicht automatisch vielbegabt.


Das auseinanderzuhalten kann für Eltern enorm hilfreich sein. Denn plötzlich muss das Kind nicht mehr in eine Schublade passen.


Und nein: Intelligenz kommt nicht nur von der Mutter

Vielleicht hast du diesen Satz schon einmal gehört:

„Intelligenz wird über die Mutter vererbt.“


Er klingt wissenschaftlich. Ist aber zu einfach. Kognitive Fähigkeiten sind komplex und polygen. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel vieler genetischer Varianten, die über verschiedene Chromosomen verteilt sind.


Beide Eltern tragen zur genetischen Ausstattung ihres Kindes bei. Und dann kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Gene sind kein fertiges Drehbuch. Sie sind eher ein Teil der Ausgangslage. Was daraus entsteht, hängt auch davon ab, welche Erfahrungen ein Mensch macht und in welcher Umwelt er lebt.


Und genau hier beginnt die Geschichte eigentlich erst.


Denn zwei Kinder können ähnlich empfindlich sein – und völlig unterschiedlich aufwachsen

Stell dir zwei Kinder vor. Beide nehmen Geräusche intensiv wahr.

Beide denken viel. Beide haben viele Interessen. Beide brauchen nach einem aufregenden Tag Rückzug.


Das eine Kind wächst in einer Umgebung auf, in der Erwachsene sagen:

„Du darfst eine Pause machen.“

„Das ist dir gerade zu viel? Dann schauen wir, was dir hilft.“

„Du interessierst dich schon wieder für etwas Neues? Erzähl mir davon.“


Das andere hört:

„Stell dich nicht so an.“

„Andere Kinder schaffen das doch auch.“

„Du musst dich endlich einmal entscheiden.“

„Du bist viel zu empfindlich.“


Die genetische Ausgangslage kann ähnlich sein. Die Erfahrung des eigenen Lebens nicht.

Und damit sind wir bei einer der spannendsten Fragen der aktuellen Sensitivitätsforschung:

Was passiert, wenn ein besonders sensibles Nervensystem auf eine besonders passende – oder unpassende – Umwelt trifft?


Darum geht es im zweiten Teil.

Denn vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:

„Wie machen wir dieses Kind belastbarer?“


Sondern:

„Was passiert, wenn wir aufhören, es passend machen zu wollen?“


Ursina


PS: Das ist Teil 1 unserer Serie über hochsensible und vielbegabte Kinder.

Im nächsten Teil schauen wir genauer auf die Vielbegabung: Warum manche Kinder ständig neue Interessen entwickeln – und weshalb das nicht automatisch Unkonzentriertheit bedeutet.



 
 
 

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